Naokos Lächeln (Norwegian Wood) ist, wie so viele Bücher von Haruki Murakami, ein Spiegel, durch den man in das Leben besonderer Figuren blickt, die ganz unscheinbar, aber merklich auf einen zurückschauen. Liest man seine Bücher, wirken sie zunächst befremdlich, aber ist man dann fertig, nimmt man ganz viel aus ihnen mit.

Vor einem halben Jahr startete der Film in Japan und nun, am 30. Juni, kommt er auch in die deutschen Kinos. Was darf uns erwarten?
Nicht viele japanische Filme schaffen es, in Deutschland Fuß zu fassen. Sicherlich gibt es eine Szene, in der sich Literatur und Filme aus Japan größter Beliebtheit erfreuen, „Mainstream“ ist das Ganze jedoch nicht.
wie gut oder schlecht das ist, darüber mag ich nicht urteilen. Ich selbst habe schon einige Bücher japanischer Schriftsteller gelesen und so manchen Film aus Japan angesehen. Einige gefielen mir, andere nicht. Kein großer Unterschied zu dem, was aus anderen Ländern oder dem eigenen Land kommt. Ich muss auch nicht jeden Film made in Hollywood sehen, genauso wenig, wie ich jedes Buch lesen muss, das mir als Bestseller verkauft wird.

In diesem Beitrag geht es also weniger um ein Für oder Wider der Tatsache, dass japanische Kultur in Deutschland noch recht „untergründig“ ist (meine Erfahrung diesbezüglich ist zweiseitig: viele Anhänger der Szene möchten, dass die Kultur so besonders bleibt, wie sie ist, gekennzeichnet durch den kleinen, aber bestimmten Kreis von Fans – andere wiederum würden gerne mehr von der Kultur sehen und sie am liebsten der breiten Masse zur Verfügung stellen). In diesem Beitrag möchte ich meine persönliche Meinung dazu äußern, warum ich denke, dass „Naokos Lächeln“ in Deutschland Erfolg haben wird – oder nicht.

Während meines Aufenthaltes in Japan konnte ich mehr als genügend Filme im Fernsehen sehen, wodurch ich einen aufschlussreichen Einblick in die japanische Filmkultur gewann.
Die japanische Kultur, die in ihrem Grundkonzept völlig anderen gesellschaftlichen Prinzipien folgt (s. hier), spiegelt sich auch in der Filmkultur nieder. Schauspielerisches Talent – oder, wie ich es lieber sagen würde, das, was einen guten Darsteller (das bevorzuge ich dem Begriff Schauspieler) in Japan ausmacht – wird anhand völlig anderer Kriterien ausgemacht.

Inmitten der Krisensituation in Japan seit dem Unglück um Fukushima haben die Japaner der Welt ihren gesellschaftlichen Charakter offenbart: so schlimm die Situation auch ist, man lässt sich nichts anmerken, man bewahrt sein Gesicht, seinen Stolz – für persönliche Leidenskundgebungen ist wenig Raum und Zeit – man lebt für die Gesellschaft, selten für den Einzelnen. Man könnte also festhalten, dass die Japaner eine Art „Pokerface“ tragen, hinter dem sich all ihre wahren Gefühle verbergen, durch das Gefühle auch sehr häufig durchscheinen (meine Erfahrung ist aber, dass sie es oft selbst nicht merken, ich aber schon). Dieses Pokerface ist das Gesicht, das die meisten hierzulande aus dem Fernsehen kennen: die halb-lächelnden Japaner. Der Mund zieht sich zu beiden Seiten, um die Augen entstehen kleine Falten, doch in den Augen lässt sich nur wenig Freude ablesen. Es ist ein trauriges „Vorurteil“, das sich zwar während meines Aufenthaltes dort als durchaus wahr herausgestellt hat, in der Krisensituation aber vor einer Massenpanik bewahrt. Und wenn jeder Japaner für die Gemeinschaft stark ist, dann ist auch die Gemeinschaft stark. Sie werden es schaffen. Ganz sicher.

Der Zusammenhang zum Film wird aber beim Begriff „Pokerface“ deutlich. Denn auch im Film werden Gefühle nicht einfach so dargestellt. Sie sind versteckt, fast unsichtbar, irgendwo hinter dem Lächeln. Japaner können diese Art von Gefühlsdarbietung gut nachvollziehen, für mich allerdings ist es ein eher schwieriges Unterfangen. In der Kommunikation mit japanischen Freunden merke ich häufig, dass ich es sehr vermisse, dass man mir sagt, was einen bedrückt, dass man auch nach Außen traurig ist, wenn man es ist. Dass man lacht, wenn einem wirklich danach ist. Ich möchte nicht sagen, dass alle Japaner sich wie „gefühllose Hüllen“ verhalten, sie zeigen ihre Gefühle eben dadurch, dass sie sie möglichst nicht zeigen. Für mich ist das ein großes Hindernis bei der Kommunikation.
Was das mit Filmen zu tun hat? Filme kommunizieren mit uns. Sie erzählen uns eine Geschichte und versuchen, uns in die Welt jenseits der Leinwand mitzunehmen, uns Einblicke in die Charaktere zu gewähren, uns Teil des Geschehens werden zu lassen. Sie erzwingen eine Empathie mit den Darstellern.

Ich lese sehr gerne Bücher von Haruki Murakami. Überhaupt lese ich gerne, vor allem deswegen, weil Bücher eben nur eine Ebene enthalten: die textuelle. Trotz vieler Beschreibungen und Erklärungen bleibt es letztendlich dem Leser überlassen, sich die Welt im Buch vorzustellen, Dinge nach belieben zu verändern, sodass sie ins Gesamtbild passen, Charaktere so sprechen zu lassen, wie man es interpretiert. Ein Film allerdings bietet diese Möglichkeit nicht. Er präsentiert eine Welt, eine fertige Welt, in die man sich höchstens fehlende Ereignisse hineindenken kann.
Und es ist am Zuschauer die Welt, wie sie im Film dargestellt wird, zu akzeptieren – oder eben nicht.

Vom Hauptdarsteller des Films Naokos Lächeln habe ich bislang sehr gute Darbietungen gesehen. Er spielt durchaus authentisch, „real“ könnte man es fast nennen. Die Vorschau des Films sehe ich folgendermaßen: ruhig, wenig Dialog, viele kleine zwischenmenschliche Momente, die es zu deuten gilt. Gewissermaßen „anspruchsvoll“.

Vielleicht ist es gerade das, was viele japanische Filme so von vielen westlichen Unterscheidet: sie stellen einen gewissen Anspruch. Einen Anspruch daran, dass man sich die nötigen Gefühle, die nötigen Worte, die wir so gewohnt sind zu sehen und zu hören, eben selber dazu denkt. Es ist eben meist keine fertige Welt, die wir zu sehen bekommen, sondern eine unvollkommene, unfertige Welt, in der Gefühle und Worte umherschwirren und an den richtigen Platz gesetzt werden wollen.
Es werden einem keine Gefühle aufgezwungen, die man als Zuschauer vielleicht als fehl am Platz bezeichnen würde. Keine Worte, die wir selbst vielleicht nicht gesagt hätten. Es bleibt uns überlassen, wie viel die Charaktere im Film in unseren Köpfen von sich preisgeben oder nicht.

Und genau hier liegt vielleicht der Knackpunkt: in Deutschland sind wir es so gewohnt, einen fertigen Film zu sehen, dass es schwierig sein könnte, sich auf etwas anderes einzustellen. Der eine oder andere wird einen solch „unvollendeten“ Film vielleicht gar nicht verstehen. Andere werden begeistert aus dem Kino kommen und sagen, es war der schönste Film, den sie jemals gesehen haben.

Ich denke, dass der Film durchaus Chancen hat, ein größeres Publikum anzuziehen, dennoch wird es viele geben, die diese Art von Film scheuen, die es zu „schwer“ finden. So oder so werde ich ihn mir auf jeden Fall ansehen. Vielleicht irre ich mich und es wird viele zutiefst Begeisterte geben. Vielleicht nicht. Vielleicht habe ich mich auch mit der Einschätzung über den Film geirrt und es kommt am Ende etwas völlig anderes heraus. Wer weiß. Ich bin gespannt und werde darüber berichten.

Bis dahin kann ich den Film vor allem Literaturliebhabern empfehlen, die sich beim Lesen gerne eine eigene Welt zusammenbasteln, in der die Geschichte existiert.

Einen schönen Sonntag!

Toni

PS: Ich will weder die eine Filmkultur, noch die andere irgendwie schlecht machen oder kritisieren. Ich möchte lediglich hervorheben, dass, meiner Meinung nach, die meisten Filme, die in den deutschen Kinos laufen, zwar einen künstlerischen, humoristischen, dramaturgischen etc. Anspruch haben, an den Zuschauer aber eher weniger Anspruch stellen, da er eben… Zuschauer ist.
Im Übrigen schafft es auch bei weitem nicht jedes Buch, einen hohen Anspruch an den Leser zu stellen und auch nicht jedes anspruchsvolle Buch findet eine enorme Leserschaft. Gerade weil wir heutzutage so verwöhnt vom vorkauen sind.

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